Eine spannende Abwechslung bei unseren Bike-Fittings erwartete Benjamin als Daniel Lambertz mit seinem Mountainbike in unser Kölner Institut kam. Daniel wird bereits seit 2016 trainingswissenschaftlich von uns betreut. Vom Bike-Fitting Pro erhoffte er sich einen Kompromiss aus Komfort und bestmöglicher Kraftübertragung zu finden und seinen Schmerzen im Rücken auf den Grund zu gehen. Ob Bike-Fitter Benjamin seine Erwartungen erfüllt hat? Daniel hat von seinem Tag bei uns berichtet:

Ich hatte bereits seit Längerem mit dem Gedanken gespielt ein Bike-Fitting für mein Canyon Lux durchzuführen, da meine „extreme“ Position mir bei meinen letzten Wettkämpfen vor allem im Rücken und in den Händen Probleme bereitete. Zudem wollte ich meine Position auf dem Rad bezüglich meiner Beckenschiefstellung von einem Experten überprüfen lassen. Somit ging es für mich Anfang Februar mit meinem Rad im Gepäck ins Kölner Institut und ich war nicht minder aufgeregt, als bei den anderen Terminen, wenn ich physiologisch durchgecheckt wurde. Nach einem kurzen Smalltalk mit Benjamin erklärte er mir den Ablauf des Bike-Fittings.

Ergebnisse der Videoanalyse

Bewertung von Beckenstabilität und -flexibilität

Wir starteten mit einem allgemeinem Beweglichkeitstest, bei dem der Ist-Zustand meiner muskulären Voraussetzungen erfasst wurde, da diese beim Bike-Fitting-Prozess berücksichtigt werden müssen. Dabei wurde festgestellt, dass meine linke Körperseite weiterhin instabiler ist als die rechte Seite. Jedoch war insgesamt eine Verbesserung der Stabilisation des Beckens erkennbar und ich war froh, dass sich meine regelmäßigen Athletik-Übungen tatsächlich ausgezahlt haben.

Satteldruckmessung & Optimierung der Satteleinstellung

Weiter ging es mit der Messung des Satteldrucks, bei dem eine spezielle Druckmessfolie auf meinen Tune Speedneedle gezogen wurde. Die Ergebnisse der Messung waren von Beginn an auf einem ordentlichen Niveau, was mein gutes Gefühl mit meinem Sattel bestätigte. Ein Austausch des Sattels oder eine Maßanfertigung waren damit vom Tisch.

Bike-Fitting Daniel Lambertz

Daniels Canyon beim Bike-Fitting (Fotorechte: Daniel Lambertz)

Auswahl & Einstellung des optimalen Radschuhs und Ermittlung der Druckverhältnisse im Radschuh

Im nächsten Schritt kam wiederum die Druckmessfolie ins Spiel, aber dieses Mal wurden die Druckverhältnisse im Radschuh gemessen. Dafür wurden die Messfolien in die Schuhe gelegt, die Schuhe wieder angezogen und ich durfte mich erneut auf mein Rad setzen und für einige Minuten mit unterschiedlichen Belastungen pedalieren. Dabei stellte sich schnell heraus, dass die Ergebnisse leider durch meine Einlage im rechten Schuh stark verfälscht wurden. Somit haben wir mit dem Testverfahren von vorne gestartet und dieses Mal meine vom Physiotherapeuten gefertigten Maßeinlagen entnommen und durch Standardeinlagen ersetzt, um den Einfluss dieser auf die Messung beurteilen zu können. Wie auf der Grafik erkennbar sind die Druckverhältnisse an beiden Füßen ausgeglichen und es mussten keine Anpassung des Schuhs oder der Cleats vorgenommen werden. Jedoch war bei der Messung mit der Standardeinlage direkt wieder meine Beckenschiefstellung erkennbar und mein Körper kippte beim Pedalieren zur Seite.

Ergebnisse der Fußdruckmessung

Ergebnisse der Fußdruckmessung

Analyse der Gelenkwinkel und Beinachsen mittels Videoanalyse

Die Gelenkwinkel werden mittels Videoanalyse bestimmt und dabei eine optimale Einstellung für eine bestmögliche Kraftübertragung bei gleichzeitig geringem Satteldruck gesucht. Benjamin hat zunächst meinen Ist-Zustand analysiert und meinen Kniewinkel gemessen, der bei 146,8 Grad lag. Daraufhin folgten mehrere Messungen, bei denen jeweils an einer Stellschraube gedreht wurde. Im ersten Schritt hat Benjamin den Nachsitz an meinem Mountainbike um wenige Millimeter nach hinten verschoben. Die Auswirkungen waren in der Druckbelastung auf dem Sattel nur geringfügig und auch der Kniewinkel änderte sich nur marginal zu 146 Grad. Anschließend wurde anhand zwei unterschiedlicher Messungen an der Sattelhöhe geschraubt und es zeigten sich interessante Ergebnisse: Der Satteldruck stieg so stark an, dass es fraglich wurde, ob die Position über einen längeren Zeitraum ohne Probleme fahrbar wäre. Vor allem nicht im Hinblick auf meine geplanten 24-Stunden-Rennen in diesem Jahr. Würde ich hingegen nur an Sprintrennen teilnehmen, könnte man über diese Position diskutieren. Bei der nächsten Messung veränderte Benjamin den Nachsitz, schob den Sattel weiter nach hinten und korrigierte die Sitzhöhe nach unten. Diese Kombination aus minimaler Veränderung der Sattelhöhe (von 743mm zu 742mm) mit Verlängerung des Nachsitzes, stellte sich schließlich als Optimum heraus.

Wie in der Grafik erkennbar, ist mit der neuen Position die Gesamtdruckverteilung auf dem Sattel ausgeglichener und der "Centure of Pressure" (COP bzw. der rot-eingefärbte Bereich) mittiger angesiedelt. Zudem konnte ein gutes Maß für den Kniewinkel mit 144,7 Grad gefunden werden.

Ergebnisse Satteldruckmessung

Ergebnisse der Satteldruckmessung

Videoanalyse der Armhaltung

Bei der folgenden Messung kam wieder die Videokamera zum Einsatz und dieses Mal war der Fokus auf meine Arme gerichtet. Ich erhoffte mir durch eine Anpassung, dass meine Schultern entlastet werden und ich mehr Druck auf den Lenker ausüben konnte. Die Vorgehensweise war im weiteren Test-Verlauf ähnlich wie bei der Optimierung der Sattelposition: es sollten mehrere Änderungen nacheinander durchgeführt werden. Zunächst versuchte es Benjamin mit einem längeren Vorbau. Und siehe da: der Wechsel von 90mm auf 100mm war sofort ein Volltreffer. War das ein Zufall oder doch das gekonnte Auge eines Profis?

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: die Arme waren nicht mehr so stark durchgedrückt und mein Rücken- und Schulterbereich war wesentlich entspannter. Durch die Gewichtsverlagerung nach vorne auf den Lenker, dürfte ich auch im Gelände stabiler unterwegs sein und in der aktiven Fahrweise den Armhebel besser ausspielen können. Übrigens ist neben den Messungen das unmittelbare Fahrerfeedback nach den Einstellungen genauso relevant wie die reinen Fakten, um den Prozess zu validieren. Es helfen nämlich keine perfekten Laborergebnisse, wenn sich diese unbequem oder unnatürlich anfühlen. Da ich bereits einige Jahre Rad fahre und dadurch zahlreiche Stunden auf dem MTB verbracht habe, habe ich mittlerweile ein gut ausgeprägtes Körpergefühl und konnte Benjamin bei seinen Messungen mit direktem Feedback weiterhelfen.

Armposition Bike-Fitting

Daniel beim Bike-Fitting (Fotorechte: Daniel Lambertz)

Fazit von Daniel

Meine Erwartungen an das Bike Fitting Pro wurden mehr als übertroffen: meine Rückenprobleme wurden behoben und mein Gefühl, dass die Cleats und der Sattel gut passen, bestätigt. Als Datensammler fand ich es sehr interessant zu sehen, wie groß die Auswirkungen minimaler Veränderungen sein können und wie viele Einstellungen beim Bike-Fitting gemessen werden können. Spannend fand ich auch die Bilder der Druckpunktmessung, da diese auch für einen Laien gut interpretierbar waren. Ich kann ein Bike-Fitting nur empfehlen, denn selbst, wenn aktuell keine Beschwerden bestehen, können durch ein falsch eingestelltes Rad langfristig Probleme entstehen.

Daniel Lambertz (Fotorechte: Sportfotograf)

Benjamin über das Bike-Fitting mit Daniel

"Ein MTB-Bikefitting stellt für mich immer eine spannende Abwechslung dar, da die Meisten mit einer Sitzpositionsoptimierung eher Triathlon- oder Rennräder verbinden. Ein Bike-Fitting mit einem MTB unterscheidend sich  dahingehend, dass der Dämpfer und die Gabel mit dem richtigen Luftdruck befüllt sein müssen, da sich ansonsten der SAG respektive der Negativfederweg ändert und das einen Einfluss auf die Position haben kann. Darüber hinaus muss gesonderter Fokus auf die Druckverteilung in den Händen gelegt werden, da sich diese auf dem MTB in nur einer Position befinden."

"Die Zusammenarbeit mit Daniel macht immer sehr viel Spaß, da er sich seit Jahren mit dem MTB-Sport auseinandersetzt und selbst viel Input und Ideen liefern kann. Dieses Feedback hat mir vor allem beim Bike-Fitting enorm geholfen, da der Athlet nicht nur wissenschaftlich optimal auf dem Rad sitzen sollte, sondern sich auch auch mit seiner neuen Position wohlfühlen muss."

Einen noch ausführlicheren Erfahrungsbericht von Daniel, sowie weitere spannende Artikel rund um seine Leidenschaft MTB, gibt’s auf seinem Blog: coffeeandchainrings.de.