Markus hertlein Ötztaler 2019

Der Ötztaler 2019 ist Geschichte. Mehr als 3.800 Teilnehmer konnten sich Anfang September ihren Traum vom Finish des anspruchsvollen Radmarathons erfüllen. Darunter waren 38 von uns trainierte Athleten sowie zwei unserer Coaches, Markus Hertlein und Niklas Lehnen. Für Markus war es bereits die 5. Teilnahme am legendären Radmarathon. Nachdem er im vergangenen Jahr aufgrund des extremen Wetters aussteigen musste, hatte er sich für dieses Jahr viel vorgenommen und wollte seine Zeit von 2017 (7:09:55h) unterbieten und eine Top-Platzierung einfahren. Hier gibt er einen Einblick in seine Pacingstrategie für den Radmarathon, berichtet wie der Renntag bei ihm verlief und analysiert die einzelnen Anstiege des Ötztalers.

Vorbereitung auf den Ötztaler und die Pacingstrategie

Eine Woche vor dem Ötzi absolviere ich immer eine große Trainingseinheit, eine Art Generalprobe, von der ich meine Pacingstrategie relativ gut ableiten kann. Dieses Jahr konnte ich die Werte aus 2017  überbieten und war mir deshalb bewusst, das am Renntag durchaus etwas möglich sein könnte. Aber nur wenn ich „volles Risiko“ gehe. Ich habe ich die Erfahrung gemacht, dass ab einer gewissen Zeit ein echter Pacingplan keinen Sinn mehr macht. Beim Ötztaler 2016 bin ich komplett nach Leistung gefahren und habe mich nicht um Renndynamiken oder ähnliches gekümmert. Am Ende kam ich mit einer Zeit von 7:27h ins Ziel. Für eine Endzeit von deutlich unter 7:30h muss man ein gewisses Risiko eingehen und seine Strategie an die jeweilige Rennsituation anpassen.

Deshalb war meine Strategie dieses Jahr auch relativ einfach: Meine Schwelle lag bei 310 Watt bei einem Körpergewicht von 59kg – sollte ich eine Leistung über diesem Wert über längere Zeiträume fahren, wäre das reiner Selbstmord. Alles leicht darunter ist ein ständiges Abwägen, ob es die richtige Situation dafür ist.

Am Kühtai wollte ich unbedingt an Position 10 bis 30 reinfahren und wenn es nötig sein sollte, die ersten 20 min volles Risiko gehen um die erste Gruppe zu halten. Dies würde eine Leistung von circa 310-330 Watt bedeuten (leicht über der anaeroben Schwelle)Über den Brenner müsste ich mich dann in dieser Gruppe verstecken um dann am Jaufenpass wieder volles Risiko zu gehen und die Gruppe möglichst lange halten Beim Ötztaler 2017 reichten 270 Watt für eine Zeit von 49 min und die Spitzengruppe. Solange es dieses Jahr also möglich wäre mit 260-300 Watt in der Gruppe zu bleiben würde ich das tun. Ansonsten wären ca. 280 Watt geplant. Am Anstieg zum Timmelsjoch dann wieder einfach möglichst lange an der Spitze dranbleiben. Wenn ich mich jedoch nicht in einer Gruppe befände, sollten es wohl um die 260 Watt werden um ab Schönau nochmals All-out zu fahren.

Ob diese Pacingstrategie am Renntag aufging? Eher nicht, denn mit diesem Rennverlauf hatte ich absolut nicht gerechnet.

Ausgeschlafen am Renntag

Um 4:30 Uhr klingelt der Wecker und reißt mich überraschenderweise aus einem tiefen entspannten Schlaf. Selten habe ich vor einem Rennen so gut geschlafen. Schon gar nicht vor dem Ötzi. Ehe ich mich versehe stehe ich mit 4000 anderen Startern an der Startlinie. Davon ca. 3900 zum Glück hinter mir. Startschuss. In all meinen bisherigen Teilnahmen war der Abschnitt Sölden – Ötz, das reinste Gemetzel und der Abschnitt vor dem ich im Vorfeld am meisten Respekt habe. Diesmal war nichts von dieser Hektik und Nervosität zu spüren. Noch nie bin ich so kräftesparend und entspannt am Kreisverkehr in Oetz angekommen.

Markus Hertlein Ötztaler 2019 Start

Der 1. Anstieg: Kühtai

Der Einstieg ins Kühtai mit den ersten 20min ist normalerweise der intensivste Abschnitt des Rennens. Hier fährt die Spitze Leistungswerte als ob sich der Zielstrich am Kühtai befinde und nicht 150km und drei Alpenpässe später. Doch auch hier war dieses Jahr einiges anders. Keine Spur davon. Relativ entspannt kann ich mich mit 260-290 Watt rund um Position 10 bis 30 halten.
Zwar attackieren drei Fahrer mit Jonny Hoogerland, Andreas Lenz und Matteo de Marchi, doch die Gruppe lässt sie einfach ziehen und hält ein konstantes Tempo über den gesamten Anstieg. Perfekt für mich.
Nach 58:43min überqueren wir die Passhöhe und gehen mit einer großen Gruppe in die Highspeed-Abfahrt Richtung Innsbruck.
Die Abfahrten auf gesperrten Straßen sind für mich eines der absoluten Highlights des Ötztalers. Die komplette Straße zur Verfügung zu haben steigert den Spaßfaktor der Abfahrten nochmal um einiges. Scheinbar sehen das nicht alle so, denn als ich mich am Ende der Abfahrt zum ersten Mal umdrehe, stelle ich mit Erstaunen fest, dass bis auf die 10 Mann um mich herum niemand mehr da ist. Spitzengruppe des Ötztalers?! Ernsthaft!?

Markus Kühtai Ötztaler RM 2019 (TodaysPlan)

Anstieg Kühtai: 0:58h bei 276w

In der Spitzengruppe in Richtung Brenner

Meine Mitstreiter zögern nicht lange und fangen an zu kreiseln. Gezwungenermaßen reihe ich mich mit ein und es wir fahren dahin. Wir rasen in Richtung Innsbruck und bald kommt die Info des Rennleiters, dass wir 1:45min Vorsprung auf die Verfolger haben.
Die folgenden 90km vergehen wie im Flug. Alle Pacingplanungen über den Haufen geworfen, genieße ich einfach den Moment und sauge die unzähligen genialen Eindrücke auf. Überall stehen Zuschauer, die uns anfeuern. Das Kameramotorrad, das Führungsfahrzeug und der Rennleiter sind immer bei uns. Das Adrenalin pumpt durch meinen Körper, ich bin wie im Rausch und spüre keine Schmerzen. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen überquere ich die Zeitnehmung auf dem Brenner als Erster und sichere mir so einen kurzen Moment der Berühmtheit.
Weiter geht es in Richtung Sterzing, die Beine fühlen sich weiterhin stark an und so langsam beginne ich darüber nachzudenken was hier heute vielleicht möglich sein könnte.

Anstieg Brenner: 1:20h bei 243w

Anstieg Brenner: 1:20h bei 243w

Jaufenpass: Schauspiel in drei Akten

Akt 1: Unbesiegbar

Bekannterweise geht mit der Einfahrt in den Jaufenpass der Ötztaler in seine entscheidende Phase. So sorgte Matthias Nothegger für ein zügiges, konstantes Tempo zu Beginn des Anstiegs. Das Tempo ist schnell, aber fahrbar, die Beine drehen als ob wir gerade erst losgefahren wären -ich fühle mich unbesiegbar.
Vor mir Nothegger, Hoogerland, und De Marchi. Hinter mir…. KEINER?! Was tust du hier, Markus?
Zum ersten Mal seit dem Kühtai schaue ich wieder bewusst auf den Leistungsmesser. Die Leistung pendelt um 300W bis 310W.

Markus Hertlein Ötztaler Radmarathon 2019

Markus Hertlein Ötztaler Radmarathon 2019 (Fotorechte: sportograf.com)

Akt 2: Ankunft in der Realität

Ich werde unsicher. Meine Schwellenleistung liegt bei 310 Watt. Ist das eine gute Idee? Kann das gut gehen? Rein physiologisch? Nein! Aber vielleicht kann ich heute über mich hinauswachsen? Ich verliere ein paar Meter auf meine drei Mitstreiter.
Geplant waren 270 bis maximal 280 Watt am Jaufenpass. Die Vernunft siegt. Ich schraube meine Leistung auf 270-280W zurück. Die drei Mitstreiter bauen ihren Vorsprung in Zeitlupentempo Meter für Meter aus. Nach 15 Minuten am Jaufen ist der Rausch schlagartig vorbei, die Wirkung des Adrenalins lässt nach.
Ich bin zurück in der Realität. Und plötzlich melden sich die Beine. 270W sind auf einmal gar nicht mehr so locker. Mitten im Niemandsland zwischen der 3-Mann Spitze und den Verfolgern, fahre ich ganz allein den Jaufenpass hoch und versuche ein Tempo zu finden mit dem ich mir nicht allzu sehr wehtue, um im Falle des Aufschließens der Verfolger noch mithalten zu können.

Akt 3: Willkommen in der Hölle

40 Minuten des Jaufens sind geschafft. Noch 15 Minuten bis zum Gipfel. Ich drehe mich um und da ist sie, die große Verfolgergruppe. Mit ihr beginnt der schmerzhafte Teil meines Ötztalers. Innerhalb kürzester Zeit schließen sie zu mir auf. Ich beschleunige nochmals und hänge mich in den Windschatten. Die Leistungswerte pendeln wieder zwischen 270-300 Watt. Mit dem Unterschied, dass ich diesmal komplett am Anschlag bin. Die letzten 5 Minuten des Jaufenpass hole ich alles aus meinem angeschlagenen Körper raus, um die Gruppe über die Passhöhe zu halten.
Gelingt nicht ganz, aber die 20 Sekunden Rückstand auf der Passhöhe kann ich in der Abfahrt relativ schnell wieder zufahren.

Anstieg Jaufenpass: 0:52h bei 275w

Anstieg Jaufenpass: 0:52h bei 275w

Aufstieg zum Timmelsjoch und 2-stündiges Leiden

Die Abfahrt vom Jaufen sorgt nochmal für einige Glücksgefühle und ich führe die Verfolgergruppe durch die mit Zuschauern gesäumte 180° Kurve in St. Leonhard. Ich bin komplett im Eimer.
Wie ein angeschossenes Tier kann ich mich am Ende der Gruppe noch bis nach Moos zum Beginn des Anstiegs auf das Timmelsjoch retten. In der Folge bekomme ich aber  die Rechnung für das Selbstmordkommando durch Innsbruck über Brenner bis zum Jaufen. Der Anstieg zum Timmelsjoch wird zur absoluten Tortur. Teilweise zweifle ich daran wirklich oben ankommen zu können. Ich gebe alles was mein Körper noch hergibt und trotzdem bewegen sich die Leistungswerte um 200-220 Watt: das ist für mich normalerweise oberer Grundlagenbereich. Die Wahrnehmung wird immer eingeschränkter, rationales Denken ist nicht mehr möglich. Ich bin nicht mehr in der Lage abzuschätzen auf welcher Zielzeit ich unterwegs bin. Zum Ende hin überholen mich noch 2 Fahrer. Ohne auch nur den Versuch zu starten dran zubleiben, muss ich sie einfach vorbeifahren lassen.

Anstieg Timmelsjoch: 1:45h bei 229w

Anstieg Timmelsjoch: 1:45h bei 229w

Die letzten Meter stehen bevor

Im völligen Delirium überquere ich das Timmelsjoch, die zwei Fahrer sind noch in Sichtweite und ich versuche sie in der Abfahrt wieder einzuholen. Drei Kehren später finde ich mich nach einem harten Einschlag auf dem Asphalt wieder.
Jetzt ist es endgültig vorbei. Ich setze mich zwar wieder aufs Rad und fahre weiter, doch innerlich wünsche ich mir nur noch, dass das Rennen vorbei ist. Jetzt tut mir neben den Beinen wirklich alles weh und ich habe jegliches Vertrauen in mein Material und Können verloren. Glücklicherweise schließt mit Dominik Schickmair noch ein alter Bekannter aus vergangen Rennen auf und nimmt mich in seinem Windschatten mit nach Sölden.

Mit der Zieleinfahrt bei 7:07h und damit nochmal 2 Minuten schneller als 2017, wartet dann noch eine coole Überraschung auf mich und macht die Schmerzen der letzten 3h des Rennens schnell vergessen. Am Abend gehe ich ins Bett. Der Wecker zeigt 22:30 Uhr –  18 Stunden vollgepackt mit genialen Emotionen, unzähligen Eindrucken aber teilweise auch richtig harten Momenten. Ein (fast) perfekter Tag auf dem Rad, denn der Gedanke was wohl passiert wäre wenn die Vernunft am Jaufenpass nicht gesiegt hätte lässt mich nicht mehr los…

Markus Hertlein Ötztaler RM 2019