4:13:18h –  so hätte die neue Radbestzeit am vergangenen Wochenende beim Ironman auf Hawaii lauten können. In offiziellen Ergebnislisten findet man diese Zeit von Boris Stein jedoch nicht, da es dafür ein Finish in Kona gebraucht hätte. Wie diese inoffizielle Radbestzeit bereits im Vorfeld von Boris und seinem Trainer Björn geplant wurde und wie der Radsplit schließlich umgesetzt wurde, zeigen wir hier.

Rennverlauf und Leistungsdaten

Noch bevor Boris aufs Rad gewechselt ist, hat er den ersten Grundstein für den Rekordversuch gelegt und sich beim Schwimmen zurückgehalten. Dadurch befand er sich in der guten Position, dass er auf dem Rad die Konkurrenz nur neutralisieren und nicht mehr distanzieren musste. Zudem verhilft ihm, nach eigener Aussage, die schlechte Laune nach einem vergeigten Schwimmen zu einer gesteigerten Aggressivität für den Radsplit.

Boris Stein Bike Split Ironman 2019

Fotorechte: Ingo Kutsche

Bevor wir nun mit der sehr zahlen-lastigen und nerdigen Analyse des Bikesplits fortfahren, geben wir euch ein paar Eckdaten von Boris. Seine Schwellenleistung liegt bei 395 W mit einem Gewicht von circa 77 kg, die maximale Laktatbildungsrate (VLamax) beträgt 0,40mmol/l/s und die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) 75ml/min/kg.

Nach dem „vergeigten“ Schwimmen betrug der Abstand zur Spitze 6:45min und der zu den Überbikern, Kienle und Wurf, circa 2 min. Boris machte sich direkt auf die Aufholjagd und nutzte seine Aggression für einen intensiven Start. Mit einer durchschnittlichen Leistung von 324w über einen Zeitraum von 46min konnte er seinen Rückstand minimieren und befand sich schließlich in der Gruppe zusammen mit Kienle und Wurf.

Aufholjagd zur Gruppe um Kienle und Wurf

Aufholjagd zur Gruppe um Kienle und Wurf

Zu diesem Zeitpunkt betrug der Rückstand zur Gruppe rund um Frodeno noch 3:04min. Nach einer kurzen Verschnaufpause, sortierte sich Boris weiter vorne in der Gruppe ein, aber überließ Wurf bis dahin noch vorrangig die Führungsarbeit. Bei Kilometer 50 übernahm Boris die Spitzenposition in der Gruppe und zog das Tempo mit einer durchschnittlichen Leistung von 330W über 6:42min ein wenig an. Nach 18min und durchschnittlichen 292W ging Boris schließlich aus der Führung und übergab die erste Position wieder an Wurf.

Führungsarbeit

Führungsarbeit in der Gruppe

Insgesamt absolvierte er den Hinweg nach Hawi mit durchschnittlichen 292W und der Abstand zur Führungsgruppe hatte sich auf 2:21min verkürzt.

hinfahrt hawi

Die gesamte Hinfahrt nach Hawi

Der Rückweg gestaltete sich gemütlicher und Boris erzielte eine Durchschnittsleistung von 239W. Aufgrund der Topographie und der Windverhältnisse, bedeutete dies trotzdem eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 42,9km/h. Der Abstand zur Gruppe von Frodeno lag bei Kilometer 153 schließlich bei 2:07min. In den letzten 30km zog Frodeno das Tempo an der Spitze immens an und konnte sich damit von seinen Konkurrenten absetzen. Diese Tempoerhöhung sorgte schließlich dafür, dass die Gruppe um Boris nochmals 1:30min an Zeit verlor, als sie in die zweite Wechselzone einbog. Kein Wunder bei durchschnittlich 229W auf den letzten 30km.

Rückweg Kona

Der Rückweg nach Kona

Die Uhr blieb schließlich bei einer Zeit von 4:13:18h (42,7km/h) stehen, was eine neue Radbestzeit an diesem Tag bedeutete.

Berechnung des energetischen Umsatzes

Für die Berechnung des Energieverbrauchs und für die exakte Planung der Aufnahme, spielte zum einen die Praxiserfahrung von Boris eine wichtige Rolle, denn der Triathlet weiß genau, welches Gel, Riegel und Getränkepulver er am besten verträgt. Zum anderen konnte Björn aufgrund der Daten aus den Leistungsdiagnostiken, auf das Gramm genau ausrechnen, wie viele Kohlenhydrate Boris verbrauchen wird. Wie bereits im vorherigen Abschnitt erläutert, begann der Radsplit mit einer intensiven Aufholjagd, was sich in den Leistungsdaten mit 324 W im Schnitt über einen Zeitraum von 46 min widerspiegelt. Dies entspricht knapp 82% der Schwellenleistung. Aufgrund der niedrigen VLamax von 0,40 mmol/l/s kann von einem Kohlenhydratverbrauch von 110-120g/h ausgegangen werden. Für die Zeit in der Gruppe bis nach Hawi lag die durchschnittliche Leistung deutlich darunter bei 275W, was 70% der Schwellenleistung entspricht und vergleichbar mit dem oberen G1-Bereich ist. Der Kohlenhydrat-Verbrauch lag in diesem Abschnitt bei circa 55g/h. Dies hatte für Boris einen energetischen Überschuss zur Folge, da erwesentlich mehr Kohlenhydrate zu sich nahm als er verbrauchte. Der Rückweg nach Kona gestaltete sich dann recht „entspannt“ mit 239 W über eine Dauer von 120min. Bei 60% der Schwellenleistung verbrannte Boris circa 40-45g Kohlenhydrate in der Stunde, was erneut eine höhere Zufuhr als Verbrauch bedeutete. Die ruhigere Fahrweise ließ zudem ein langsameres Heranfahren an die Verpflegungsstationen und damit eine optimale Kohlenhydrat- und Flüssigkeitsaufnahme zu.

Boris Stein Bike Split Ironman 2019

Fororechte: Boris Stein

Fazit des Trainers Björn

„Das Schwimmen von Boris war misslungen und damit die perfekte Ausgangslage für einen guten Bikesplit geschaffen. Die Aufholjagd zur Gruppe rund um Kienle und Wurf, zeigte in welch guter Verfassung sich Boris derzeit befindet und die Leistungsdaten bestätigen dies. Auf dem Rückweg sah sowohl Boris im Rennen, als auch ich nach der Auswertung, keine Notwendigkeit darin die Gruppe häufiger anzuführen beziehungsweise den Abstand nach vorne weiter zu verringern. Meine Berechnung des Energieverbrauchs ging voll auf und die energetische Versorgung hat während des Rennens sehr gut geklappt. Auch der Flüssigkeitshaushalt war während und nach dem Radfahren im Gleichgewicht und es gab keine Anzeichen der Unterversorgung. Insgesamt hatten wir so für eine sehr gute Ausgangslage für die abschließende Disziplin gesorgt. Boris und ich hatten jedoch bereits im Vorfeld sehr lange und ausführlich über seine derzeitige Verletzung an der Hüfte gesprochen und es war für mich klar, dass er bei zu großen Schmerzen aussteigen soll. Leider machten schließlich die Sturzfolgen an der Hüfte ein Finish unmöglich, aber wir beide können sehr viel Positives aus dem Rennen auf Hawaii ziehen.“