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Trixi Worrack & Björn Geesmann

Eine sportliche Liaison – Interview mit Trixi Worrack und Björn Geesmann

Eine sportliche Liaison – Interview mit Trixi Worrack und Björn Geesmann

Oft sind Zufälle wichtig, um im Leben voranzukommen. Auf solch einem Zufall beruht auch die Zusammenarbeit von Trixi Worrack, einer der weltbesten Frauen im Straßenradsport, und Björn Geesmann, Inhaber von STAPS. „Ein Bekannter von mir, der schon länger bei STAPS trainiert, hat mir das Institut und besonders Björn empfohlen“ sagt Worrack, die in dieser Saison für das Team CANYON//SRAM Racing fährt. Gleich gefunkt hat es bei der sportlichen Liaison – sagen übereinstimmend beide, was das Verhältnis zwischen Coach und Athlet betrifft. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um das typische klassische Rollenmodell, in dem der Coach unumstößlich vorgibt, was der Sportler zu tun und zu lassen hat. „Trixi hat so viel Erfahrung im Leistungssport, da wäre es ja töricht von mir auf diese Qualitäten zu verzichten“, sagt Sportwissenschaftler Geesmann. So schreibt er zwar die Trainingspläne für Trixi Worrack, aber bei vielem lässt er ihr auch freie Hand. „Trixi macht das jetzt schon so lange und sie weiß genau wie eine Vorbelastung vor dem Rennen aussieht, außerdem ist es ja auch so, dass manchmal nur wenig Zeit bleibt zwischen den einzelnen Rennen und da wird dann zu Hause das trainiert, was der Athlet will beziehungsweise was er in diesem Moment für sich selbst für gut befindet“, so Geesmann. Die Leistungsdaten solcher Einheiten schaut sich Geesmann natürlich an, wie auch die Aufzeichnungen aus den Rennen und arbeitet sie in seine weiteren Planungen mit ein.

“Qualitativer, nicht mehr so viele Stunden”

Geesmann und sein Institut STAPS kommen dann verstärkt ins Spiel wenn es um einen langfristigen Form- beziehungsweise Trainingsaufbau geht, so wie beispielsweise im Winter oder auf dem Weg nach Rio. Da profitiert Trixi Worrack enorm von den Trainingsmethoden und Tests, die Geesmann und seine Mitarbeiter bei STAPS anbieten beziehungsweise durchführen. „Ich muss schon sagen, dass ich im Vergleich zu früher qualitativer trainiere; und – wenn ich es hochrechne – nicht mehr so viele Stunden fahre“, erklärt Worrack. In den Anfangszeiten ihrer Karriere unterwarf sich Worrack wider besseren Wissens dem klassischen Trainingsmodell mit hohen Umfänge im Training – sprich stundenlange Grundlagenausdauerfahrten – gepaart mit hohen Intensitäten im Rennen. „Damals hat das noch funktioniert, weil es ja alle so gemacht haben, heute ist das schlichtweg unmöglich, da wir schon früh im Jahr bei wichtigen Rennen in guter Form am Start stehen müssen“, so Worrack.

„Das Training eines Radprofis ist gar nicht so einfach zu planen“, erklärt Björn Geesmann, der diese Herausforderung gerne annimmt. Das Training muss auch immer gut angepasst an die Renn- und Reisetage sein. Oftmals ist es in Wettkampf-intensiven Wochen gar nicht möglich richtig zu trainieren bzw. es Trixi Worrack & Björn Geesmannmuss improvisiert werden, je nachdem wie das Rennen gelaufen ist. Man kann ja nicht wirklich voraussagen, welche Intensitäten wie lange in einem Rennen gefahren werden. „Das kommt natürlich viel darauf an, ob man in der Spitzengruppe mitfährt oder ein Trikot zu beschützen hat“, sagt Worrack. „Für einen Profi muss man eigentlich rund um die Uhr da sein und sehr flexibel sein. Die Trainingspläne, die man während der Saison schreibt,  sind in der Regel auch nicht länger als für vier Tage“, so Geesmann.

Die amtierende deutsche Straßenmeisterin Worrack beschreibt das an einem Beispiel: „Das ist natürlich schon ein Unterschied, ob ich bei einer Rundfahrt einfach nur so mitrolle, oder selbst nach den ersten Etappen in Führung bin beziehungsweise wir eine Fahrerin in unserer Mannschaft haben, die  wir beschützen müssen.“ Dementsprechend sind auch die Intensitäten in den Rennen vorher gar nicht planbar. Bei rund 60 Renntagen pro Jahr kommt hier natürlich einiges an Eventualitäten zusammen.

„Doch solche Rennen sind eminent wichtig, um die Form aufzubauen und sich Rennhärte zu holen, sagt Björn Geesmann. „Natürlich kann man einem Athleten auch aufschreiben im hochintensiven Bereich Dinge zu trainieren, aber tatsächlich fällt es den meisten Athleten im Rennen viel leichter sich dazu zu motivieren – und es wäre auch komisch wenn es nicht so wäre.“

Schwerer Sturz im Frühjahr

Doch in dieser Saison ist das komplett anders – leider. Denn Trixi Worrack verletzte sich im März dieses Jahres bei einem Sturz im Radrennen Trofeo Alfredo Binda so schwer, dass ihr in einer Notoperation eine Niere entfernt werden musste. Erst langsam konnte sie ihr Training wieder aufnehmen und hatte eine ungeplante und ungewollt lange Aufbauperiode in der laufenden Saison. Aus diesem Grund arbeitet sie extrem nach Plan und überprüft ihre Form auch mit Leistungstests im STAPS-Institut wie zuletzt bei ihrem Besuch im Mai in Hamburg. „Bei LeistungsdiagnostikenTrixi Worrack & Björn Geesmann lassen sich ganz ohne äußere Einflüsse letztendlich sehen ob und wie sich der Sportler in welchen Bereichen verbessert hat bzw. wie seine aktuelle Leistungsfähigkeit ist“, sagt Geesmann. Denn: Ein Rennen gewinnt nicht immer der physiologisch Stärkste, sondern der Sieg ist oft vielen Umständen und Fähigkeiten wie zum beispielsweise der Taktik geschuldet. Worrack untermauert dies mit einem Beispiel: „Ich war bei der Ladies Tour of Qatar zu Beginn des Jahres nicht besser als alle anderen, ich hab nur versucht, mich taktisch clever anzustellen“, sagt die in Cottbus geborene Worrack, die diese Rundfahrt ohne Etappensieg gewann.

Bei Trixi Worrack ging es bei ihrem ersten Leistungstest nach der schweren Operation in erster Linie darum, den Status Quo zu bestimmen, um für den Weg nach Rio – die Olympischen Spiele sind nach wie vor das erklärte Ziel der 34-Jährigen – das Training anzupassen. „Man merkt Ihr die Trainingspause an, aber sie verfügt nach über zwei Jahrzehnten Leistungssport natürlich über eine unglaubliche Basis“, so STAPS-Coach Björn Geesmann zuversichtlich.

Gesucht: Eine olympische Medailie

Was ihr in ihrer über 15 Jahre dauernden Profi-Karriere mit etlichen nationalen und Weltmeistertiteln sowie Siegen fehlt, ist eine Olympische Medaille. „Der Kurs in Rio kommt ihr entgegen“, sagt Geesmann. „Denn er ist anspruchsvoll und das Rennen ist schwer zu kontrollieren. Da haben Fahrerinnen mit einem sehr guten Renninstinkt wie Trixi klare Vorteile.“

„Rio ist für uns Frauen enorm wichtig“, sagt Trixi Worrack. „Die Olympischen Spiele haben bei uns Frauen sozusagen den gleichen Stellenwert wie die Tour de France bei den Männern.“ Denn eine Tour de France für Frauen gibt es schon seit Jahren nicht mehr, auch wichtige Rundfahrten sind in der Vergangenheit gestrichen worden.

Ob danach Schluss ist? Wohl kaum, denn Trixi Worrack wirkt, obwohl sie seit 2000 als Profi fährt, kein bisschen müde. Und schwächer als früher fühlt sie sich heute auch nicht: „Ich brauche vielleicht länger zum Regenerieren, aber im Rennen selbst merke ich das Alter nicht“, so Trixi Worrack. Einzig worüber sie sich wundert:  dass sie an den längeren Anstiegen nicht mehr so stark ist wie in ihren wilden Zwanzigern, in denen sie namhafte schwere Rundfahrten wie die Tour de l‘Aude und den Giro della Toscana gewann. „Daran arbeiten wir noch“, sagt Björn Geesmann schmunzelnd „aber erst nach Rio“.

Interview und Text: Daniel BeckTrixi Worrack & Björn Geesmann